Von drei Millionen Milchkühen auf eine Million. So stark sind die Herden in Kanada seit 1960 geschrumpft. Gleichzeitig stieg die Milchmenge an. "Diese effizientere Produktion kam dank der Zucht zustande", erklärte Filippo Miglior. Der Forscher arbeitet bei Lactanet in Kanada sowie an der kanadischen Universität in Guelph. Er hielt einen Vortrag an der Tagung der Schweizerischen Vereinigung für Tierwissenschaften (SVT), bei der sich dieses Jahr alles um "Tierzucht im 21. Jahrhundert" drehte.
Der Fokus auf eine gesteigerte Produktivität kostete aber auch: Die Fruchtbarkeit der Milchkühe sank, Klauenprobleme und Mastitis nahmen zu, wie Miglior aufzeigte. "Dieselbe Entwicklung sehen wir auch in der Schweiz", sagte Adrien Butty, Genetiker bei Qualitas, in seinem Vortrag. Kranke Tiere leisten weniger – langsam fand ein Umdenken statt und in der Züchtung wurde darauf reagiert. Verbesserte Gesundheits- und Fruchtbarkeitsmerkmale wurden in Zuchtzielen definiert. Heute kann man eine Verbesserung sehen, etwa bei der Non-return Rate bei Holstein oder beim Index Klauengesundheit bei Swiss Fleckvieh, wie Butty berichtete.
Ein wichtiges Werkzeug in der Züchtung ist heutzutage die genomische Selektion: Kennen wir die Genetik eines Tiers, können wir eine genauere, schnellere Auswahl treffen. Das hilft insbesondere auch bei Merkmalen, bei denen auch die Umwelt einen beträchtlichen Einfluss hat, wie zum Beispiel Mastitisresistenz oder Methaneffizienz. Zu Letzterem wurden im April erstmals Zuchtwerte für die Schweizer Holstein-Tiere publiziert. "Das war möglich dank der Zusammenarbeit mit Lactanet. Künftig wollen wir diese ersten Berechnungen weiter an die Schweizer Gegebenheiten anpassen. Das Ziel ist, auch für andere Rassen wie zum Beispiel Braunvieh einen Zuchtwert berechnen zu können", stellt Adrien Butty in Aussicht.
Gibt es Zuchtwerte, kann selektiert werden. Das Potenzial scheint vorhanden: "Bis 2050 kann in einer Herde 20 bis 30 Prozent Methan eingespart werden mittels Selektion – ohne Einbussen bei der Produktion", präsentiert Filippo Miglior die Berechnungen seines Forschungsteams. In Zeiten, in denen Umwelteffekte breit diskutiert und kritisch hinterfragt werden, ist es hilfreich zu wissen, dass züchterisch eine Methanreduktion bei Milchkühen möglich ist.
Auch bei den Schweinen gewinnen Fruchtbarkeit, Gesundheit und Langlebigkeit an Bedeutung. In ihrem Vortrag stellte Nadine von Büren, Leiterin des Geschäftsbereichs Zucht bei der SUISAG, einige Projekte vor, die das Ziel haben, neue Merkmale zu beschreiben. Denn genetische Selektion – so gut sie auch ist – erfordert als Grundlage bekannte phänotypische Daten (Erscheinungsbild, Leistung oder Verhalten des Tiers).
"Um Daten zur Klauengesundheit zu sammeln, lassen wir die Schweine bei uns über den 'Catwalk' laufen", nennt von Büren ein Beispiel. Der 'Catwalk' ist eine Laufmatte, in der Drucksensoren eingebaut sind. Der Bewegungsablauf des Tiers oder auch die Druckverteilung zwischen den vier Beinen können Aufschluss darüber geben, wie gut es um das Fundament des Schweins steht. Solche aufwändigen Merkmalserfassungen werden zentral in den Ställen der SUISAG durchgeführt – das entlastet die Züchter finanziell und arbeitstechnisch. Alle diese Zuchtarbeiten dienen dem Schweizer Schwein der Zukunft: "Ein ruhiges, resilientes Schwein, das gegen E.coli und andere Krankheitserreger resistent ist", wie von Büren erklärt.
Über die Trends beim dritten wichtigen Nutztier, dem Huhn, sprach Teun van de Braak vom Tierzuchtunternehmen Hendrix Genetics. Auch beim Huhn fand eine grosse Effizienzsteigerung statt – sowohl beim Mastgeflügel als auch bei der Legehenne. Unendlich lässt sich das nicht mehr steigern. Hendrix Genetics, laut van de Braak der Ursprung von rund 40 Prozent aller weltweit konsumierten Eier, fokussiert daher auf die Verbesserung der Ei-Qualität. Ausserdem werden Verhaltensmerkmale der Hennen züchterisch bearbeitet: «Beim Verhalten hinken wir noch hinterher. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das Huhn ursprünglich nicht wegen Eiern oder Fleisch, sondern wegen Hahnenkämpfen domestiziert wurde», erklärt der Niederländer. Ein Huhn, das die anderen in der Herde nicht piesackt, ist aus Sicht des Tierwohls aber auch aus Sicht der Produktivität sinnvoll. Mithilfe der Züchtung seien sie Schritt für Schritt auf dem Weg zu einer sozialen Henne», so van de Braak.
Deborah Käch, SUISAG
Die Präsentationen und Beiträge sind hier verfügbar.